Robinson Crusoes der Taiga: Eine Familie flüchtete vor Stalin nach Sibirien und sah 40 Jahre keinen Menschen

Robinson Crusoes der Taiga: Eine Familie flüchtete vor Stalin nach Sibirien und sah 40 Jahre keinen Menschen

Die Lykovs hingen dem alten Glauben an. Vor Stalins Schergen flohen sie in die abgelegene Wildnis Sibiriens. Nach 40 Jahren entdeckte sie ein Hubschrauber. Eine Tochter lebt noch heute – allein in der Einsamkeit.

Mehr als 40 Jahre lang versteckte sich eine Familie in Sibirien. Sie bekamen weder den Zweiten Weltkrieg noch Stalins Tod oder die Landung auf dem Mond mit. Erst 1978 entdeckten sowjetische Geologen, die in der Wildnis Sibiriens nach Bodenschätzen suchten, das Gehöft der sechsköpfigen Familie – 250 Kilometer von der nächsten Siedlung entfernt. Im Sommer 1978 suchte dort ein Hubschrauber einen sicheren Landeplatz. Das war nicht leicht in dem engen Tal, das ringsum von schroffen Wänden umgeben war, doch plötzlich entdeckte die Besatzung eine Lichtung im Lärchenwald. Eine Lichtung, die es dort nicht hätte geben dürfen, nach mehreren Überflügen waren sie sich sicher, dass es Gemüsegarten waren.

Erster Besuch nach 40 Jahren

Die Piloten berichteten dem Geologenteam von ihrer Entdeckung und die beschlossen dem Garten und dem kleinen Blockhaus daneben einen Besuch abzustatten. Unter der Leitung von Galina Pismenskaya suchten sie die Hütte. Im Rucksack hatten sie Geschenke und Pismenskaya nahm sogar ihre Pistole mit. Vom Boden aus war die Hütte kaum auszumachen, weil sich rundherum Rinden und Holzreste stapelten. Aber dann knarrte die Tür und ein sehr alter Mann trat heraus. Pismenskaya erinnerte sich später: „Er trug Hosen aus Flicken und hatte einen ungekämmten Bart. Sein Haar war zerzaust. Er sah verängstigt aus und beobachtete uns sehr aufmerksam … Wir mussten etwas sagen, also fing ich an: ‚Grüße, Großvater! Wir sind zu Besuch gekommen!‘ Der alte Mann antwortete nicht sofort…. Schließlich hörten wir eine leise, unsichere Stimme: ‚Nun, da Sie so weit gereist sind, können Sie genauso gut hereinkommen.'“.

Das war der erste Kontakt der Familie Lykov seit 40 Jahren. Im Inneren der Hütte waren die Wissenschaftler geschockt, alles war schmutzig und rußgeschwärzt. Im Hintergrund erkannten sie zwei Frauen. Eine rief entsetzt: „Dies ist für unsere Sünden, unsere Sünden.“

Angst vor den Fremden

Eilig verließen die Forscher die Hütte, um die Bewohner nicht noch mehr zu verängstigen. Um sie anzulocken, begannen sie mit einem Picknick. Irgendwann kamen der alte Mann und die zwei Frauen heraus, aber sie wollten nichts von dem angebotenen Essen annehmen. „Das dürfen wir nicht!“ Da fragte Pismenskaya, ob sie jemals Brot gegessen hätte und der Alte antworte: „Ich schon. Aber sie nicht. Sie haben nie Brot gesehen.“ Verständlich sprechen konnte nur der Mann, das Russisch der Frauen war zu verzerrt, um es zu verstehen. Erst nach mehreren Besuchen tauten die Bewohner auf und erzählten ihre Geschichte. Der alte Mann hieß Karp Lykov und war ein Altgläubiger.

Spaltung und Verfolgung

Dieser Teil der orthodoxen Kirche hatte sich zur Zeit der Kirchenreformen Peters des Großen im 17 Jahrhundert von der offiziellen abgespalten. Das Bündnis von Kirche und Zarentum galt für diese Gläubigen als ein Bündnis mit dem Teufel. Die Altgläubigen machten die Reform nicht mit und wurden gnadenlos verfolgt. Sie verbrannten sich eher selbst, anstatt den neuen Riten zu folgen. Die größte „Feuertaufe“ gab es 1678 in Paläostrow, als mehr als 2700 Menschen in den Tod gingen. Die Vorfahren von Karp Lykov zogen sich weit nach Sibirien zurück, wo das „teuflische“ Zarentum sie nicht erreichen konnte.

Auf dem Bild von Wassilij Iwanowitsch Surikow reckt die Bojarin die Hand mit den traditionellen zwei Fingern des Kreuzzeichens zum Himmel.

Auf dem Bild von Wassilij Iwanowitsch Surikow reckt die Bojarin die Hand mit den traditionellen zwei Fingern des Kreuzzeichens zum Himmel.

© Commons

Das wahre Russland

Erst im 19 Jahrhundert änderte sich die Einstellung. In den das Leiden erduldenden Altgläubigen sah man die wahre Seele des russischen Volkes. Das Gemälde die Bojarin Morosowa von Wassili Iwanowitsch Surikow feiert die ungebrochene Glaubensstärke der Adeligen auf dem Weg in die Verbannung. Gemeinsam mit ihrer Schwester, der Fürstin Urussowa, wurde sie in einem Kloster eingemauert, um zu verhungern. Zar Nikolaus II. beendete damals die grausame Verfolgung. Doch dann drangen die Bolschewiken in die Wildnis ein, vor allem in den 1930er Jahren ließ Stalin die Kirchen verfolgen. Eine Streife der Kommunisten erschoss 1936 Lykovs Bruder am Rande seines Dorfes, sie hielten ihn für einen Wilderer und machten kurzen Prozess mit ihm. 1937 auf dem Höhepunkt des stalinistischen Terrors wurden sogar Agenten des Geheimdienstes NKWD zu den Lykovs gesandt. Als sie befragt wurden, wusste Karp Lykov, dass sie fliehen mussten. Nicht nur um ihren Glauben, sondern auch um das bloße Leben zu retten. Lykov führte seine Familie mit einigen Besitztümern tiefer in die Wildnis. Er, seine Frau Akulina, ein Sohn, Savin, von neun Jahren und Natalia, die erst zwei Jahre alt war. Im Laufe der Jahre flüchteten sie immer weiter, bis sie in dem abgelegenen Tal ihre Zuflucht fanden, indem erst der Hubschrauber sie dann aufspürte. Zwei weitere Kinder wurden in der Wildnis geboren. Dmitry 1940 und Agafia 1943.

Sie kannten keine weiteren Menschen und wussten kaum etwas von der Außenwelt, denn auch die Gemeinde ihrer Eltern lebte schon sehr abgeschieden. Der russische Journalist Wassili Peskow, der zum Chronisten der Familie wurde, stellte fest, dass sich meist über ihre Träume unterhielten. Die einzigen Bücher waren eine Bibel und ein Gebetbuch. Daraus lernten die Kinder sogar lesen und schreiben. Peskow staunte, dass er auf seinem Weg zu ihnen über 250 Kilometer keinem Menschen begegnet war.

Not in der Wildnis 

Das Leben in der Wildnis war hart. Mitgeschleppt in die Einsamkeit hatten die Lykovs ein Spinnrad und einen Webstuhl. Metall konnten sie nicht ersetzen. Sie ernährten sie sich von dem, was ihr Feld und die Taiga hergab. Vor allem der Fluss unmittelbar neben der Hütte brachte ihnen Nahrung. Dennoch litten sie Not, denn die Eltern gingen nicht auf die Jagd. Erst als der Sohn Dimitry größer wurde, besserte er den Speisezettel und die Versorgung mit Fleisch und Häuten auf.

Nach einem Winter im Jahr 1961, der alles im Garten erfrieren ließ, spitze sich die Situation zu. Da opferte sich Akulina für ihre Kinder, sie gab ihnen von den letzten Vorräten zu essen und starb selbst an Hunger. Nur ein einziges Roggenkorn überlebte den Winter als Spross. Aus ihm und seinen 18 Körnern bauten die Lykovs wieder neue Ernten auf.

In all der Einsamkeit machten die Lykovs erstaunliche Entdeckungen. Sie bemerkten sogar, dass es nachts auf einmal sich schnell bewegende Sterne gab, und nahmen an, dass die Menschen diese Feuerquellen in den Himmel entsandt hätten.

Die jüngeren Kinder Agafia und Dmitry waren nichts so religiös verbohrt wie ihr Vater. Sie waren intelligent und wahre Naturkinder. Agafia verstand sich auf die Zeit und die Jahreszeiten und wusste, was wann zu erledigen war.

Tod durch die Moderne

Dimitry war am neugierigsten. Er besuchte sogar ein Sägewerk. Zuerst wollte der glaubensstrenge Karp Lykov gar nichts von außen annehmen – außer das lebensnotwendige Salz. Aber dann fasste auch er mehr Zutrauen und einer „Segnung“ der Moderne konnten sie nicht widerstehen. Alle saßen wie gebannt vor einem TV-Apparat. Der Alte soll dabei ununterbrochen gebetet haben, um diese Sünde zu neutralisieren.

Doch die Moderne brachte keinen Segen für die Lykovs. Im Herbst 1981 starben drei der vier Kinder innerhalb weniger Tage. Zwei sollen an einem Nierenversagen gelitten haben, hervorgerufen wegen der jahrelangen einseitigen Ernährung. Der neugierige Dmitry starb an einer Lungenentzündung, die er sich bei seinen neuen Freunden geholt hatte. Die Geologen versuchten verzweifelt, den Kranken mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus zu bringen. Aber wollte weder seine Familie noch seinen Glauben aufgeben. „Das dürfen wir nicht“, sagte er bestimmt. „Ein Mann lebt für alles, was Gott gewährt.“

Tochter ging zurück in die Einsamkeit

Agafia nahm den Schicksalsschlag ergeben an. Sie sagte, Gott habe Menschen zu ihnen gesandt, und wenn diese Menschen nicht gewesen wären, wäre die Familie vor langer Zeit tot gewesen. „Wie war unser Leben vorher? Unsere Kleidung war abgenutzt und alle mit Flecken bedeckt. Es war schrecklich – wir aßen Gras und Rinde“, sagte Agafia zu Peskow. Seine Artikel in der „Komsomolskaya Pravda “ machten die Robinson Crusoes der Taiga in der ganzen UdSSR berühmt. Angeblich konnte es Breschnew Frau Viktoria Petrowna nicht erwarten, einen neuen Teil der Serie zu lesen.

Agafia Lykov im Jahre 2018.

Agafia Lykov im Jahre 2018.

© MIREA / PR

Karp Lykov starb am 16. Februar 1988 im Schlaf, 27 Jahre nach seiner Frau Akulina. Seitdem lebt nur noch Agafia – immer noch an dem gleichen Ort. Sie hat versucht, in einem Kloster bei anderen Altgläubigen zu leben. Aber sie konnte die Enge und die verdorbene Luft in dem kleinen Dorf nicht ertragen. Auch die Autos ängstigten sie und die Ausübung der Religion wich von dem ab, was sie gewohnt war.

Also kehrte Agafia in die absolute Abgeschiedenheit zurück. Doch im Jahr 2014 wurde ein Brief von ihr veröffentlicht, indem sie um Hilfe bat, weil ihre Kräfte allmählich nachließen. Seitdem besuchen sie Studenten und Trekkinggruppen, um auf ihrem Hof zu helfen. 2016 wurde sie wegen Schmerzen in den Beinen in ein Krankenhaus geflogen. Aber Agafia soll in die Wildnis zurückgekehrt sein und immer noch dort leben.

Quelle: MIREA, Smithsonian

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Published at Sun, 01 Nov 2020 16:16:00 +0000